Kann man für einen Job bestimmt sein?

Wenn man so lange, wie ich in seiner beruflichen Laufbahn tätig ist, dann erwischt man sich immer öfter dabei, wie man sich an die Stationen, die man durchlaufen hat und an die Menschen, die man kennen lernen durfte, zurück erinnert. Manche Menschen vergisst man nie und andere bereits, sobald sie durch die Tür sind. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, lag mir, glaube ich, der Bürojob im Allgemeinen schon immer im Blut. Allerdings wurde er mir auch vorgelebt. Meine Mutter hat damals in Heimarbeit für eine Baufirma und einen anderen Betrieb die Buchhaltung gemacht. Nachdem ich meine Kinderschallplatte zum X-ten Mal am Tag gehört hatte, mit der ich meine Mutter etwa bei schlechtem Wetter in den Wahnsinn trieb, widmete ich mich meiner „Arbeit“. Ich bekam von meiner Mutter Formulare zur Verfügung gestellt, die ich sehr gewissenhaft und mit wachsender Begeisterung ausfüllte. Wenn meine Mutter telefonierte, hatte ich ihr gegenüber mein Spielzeugtelefon am Ohr und „verhandelte“ mit meinem imaginären Geschäftspartner. Zu der Zeit war ich etwa 4 Jahre alt und wir lebten in Hannover. Später, als wir in Hamburg lebten und ich meine Realschule absolviert hatte, holte ich meine Mutter des Öfteren von der Arbeit ab. Sie arbeitete damals als Buchhalterin im BAT-Haus im 11. Stock bei einer großen Anwaltskanzlei. Ich war vollkommen fasziniert von dem dortigen Bürovorsteher und Rechtsanwaltsgehilfen. Nein! Nicht von dem Mann selbst – von dem Job war ich fasziniert! Es war um mich geschehen. So etwas wollte ich auch machen! Das war 1981. Der Arbeitsmarkt war lange nicht so angespannt, wie heute. Ich bewarb mich bei einem Einzelanwalt. Zum Vorstellungstermin kam ich mit meiner Mutter. Allerdings komplimentierte er meine Mutter nach kurzer Zeit vor die Tür, weil er das Vorstellungsgespräch eher ungewollt mit meiner Mutter abhielt, als mit mir. Das hatte sich noch niemand getraut! Ich fand ihn klasse. Das Vorstellungsgespräch endete damit, dass der Anwalt meinte, er würde mir gern einen Ausbildungsvertrag geben, aber ich könne ja auch noch darüber nachdenken, ob ich das wirklich wolle. Er strahlte so eine Autorität aus, dass ich mich in dem Moment nicht traute, zu widersprechen. Aber ich wollte doch diesen Job! Meine Mutter und ich fuhren mit Verkehrsmitteln nach Hause und ich drängte sie schon auf dem Weg nach Hause, dass sie doch schneller gehen solle. Zu Hause angekommen, gab ich ihr nicht einmal die Möglichkeit, ihren Mantel auszuziehen. Sie musste den Anwalt anrufen und ich bekam meinen Ausbildungsplatz!

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